Rosetta: Die komplette Mission in Echtzeit-3D
12. November 2014
Erlebe die komplette Rosetta-Mission: Folge der echten zehnjährigen Reise der Sonde durch das Sonnensystem zum Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko und der Landung von Philae am 12. November 2014, in einer 3D-Echtzeit-Rekonstruktion.
Wir schreiben den 2. März 2004.
In Kourou, Französisch-Guayana, startet eine Ariane 5 gleich zu einem Kometen.
An Bord: Rosetta, eine drei Tonnen schwere europäische Sonde.
Ihr Ziel: 67P/Tschurjumow-Gerassimenko, ein vier Kilometer großer Komet.
Das Rendezvous liegt 400 Millionen Kilometer von der Erde entfernt.
Weit jenseits der Marsbahn, im Asteroidengürtel.
Nie hat eine Sonde einen Kometen umkreist, nie ist eine auf einem gelandet.
Kometen bewahren unberührt den Stoff, aus dem das Sonnensystem entstand.
Brachten sie der Erde ihr Wasser und die Zutaten des Lebens?
Eine Mission der Europäischen Weltraumorganisation ESA: rund 1,4 Milliarden Euro.
Abheben. Zwei Feststoffbooster und ein Vulcain-Triebwerk heben 750 Tonnen.
Rosetta sollte ein Jahr früher starten, zu einem anderen Kometen: Wirtanen.
Der Fehlstart einer anderen Ariane 5 hielt sie am Boden. Ein neues Ziel musste her.
In 66 Kilometern Höhe trennen sich die beiden leeren Feststoffbooster.
Die Verkleidung öffnet in 106 Kilometern: Rosetta sieht erstmals das All.
Die Hauptstufe fällt ab. Die Oberstufe trägt Rosetta allein weiter.
Normalerweise zündet die letzte Stufe gleich nach der Trennung.
Hier trieb sie fast zwei Stunden, um am richtigen Bahnpunkt zu zünden.
Eine Viertelstunde Schub, und Rosetta entkommt der Erde, mit 37.500 km/h.
Trennung, 1.360 Kilometer über der Erde. Rosetta ist allein.
Nicht ganz: Sie trägt Philae, seitlich an ihr befestigt.
Philae ist ein Lander: Am Kometen klinkt Rosetta ihn aus, damit er dort landet.
Vor ihr: zehn Jahre Reise und 6,4 Milliarden Kilometer.
Rosetta entfaltet ihre Solarpaneele: 32 Meter Spannweite.
Sie müssen sie weiter von der Sonne versorgen als je eine Sonde zuvor.
Gesteuert wird sie vom Kontrollzentrum der ESA in Darmstadt, in Deutschland.
Von der Erde befreit, umkreist Rosetta nun die Sonne, wie ein Planet.
Sechs Monate nach dem Start ist Rosetta 76 Millionen Kilometer von der Erde weg.
Sie ist kaum weiter von der Sonne als wir: ihre Jahresschleife führt zur Erde zurück.
Keine Rakete bringt sie direkt zum Kometen: es fehlt ihr an Geschwindigkeit.
Also kehrt sie zur Erde zurück, die ihr etwas von ihrem Tempo abgibt.
Insgesamt vier Schwungmanöver: dreimal die Erde, einmal Mars.
Nicht an 67P vorbeifliegen, sondern neben ihr fliegen und sie umkreisen.
1986 flog die europäische Giotto mit 68 km pro Sekunde am Halleyschen Kometen vorbei.
An Bord: elf wissenschaftliche Instrumente. Philae trägt zehn weitere.
Ihr Name stammt vom Stein von Rosetta, der die Hieroglyphen entschlüsselte.
Philae heißt nach einer Nilinsel, deren Obelisk beim Lesen half.
Rosetta und die Erde umrunden je einmal die Sonne und treffen sich am selben Punkt wieder.
4. März 2005. Ein Jahr nach dem Start fällt Rosetta zur Erde zurück.
Ein Jahr Flug hat ihr nichts gebracht: Sie kehrt mit der Geschwindigkeit ihres Starts zurück.
Doch die Erdschwerkraft krümmt ihre Bahn und beschleunigt sie.
Kein Tropfen Treibstoff: die Erde gibt ihr etwas von ihrem Tempo ab.
Größte Nähe: 1.954 Kilometer über dem Pazifik.
Im Vorbeiflug testet Rosetta ihre Instrumente an Erde und Mond.
Relativ zur Sonne steigt ihr Tempo von 107.000 auf 122.000 km/h: 15.000 davon gibt die Erde ab.
Dafür wird die Erde langsamer: In einem Jahr fällt sie um weniger als ein Atom zurück.
Schneller entfernt sich Rosetta weiter von der Sonne: Ihre Bahn kreuzt nun die des Mars.
Februar 2007. Rosetta stürzt zum Mars, ihr einziger Vorbeiflug an einem Planeten.
Der riskanteste Vorbeiflug der Reise: 250 Kilometer über dem Boden.
Auf der Nachtseite taucht sie in den Marsschatten: 25 Minuten ohne Sonne.
Ihre Batterien, nie für so lange Finsternis gedacht, müssen durchhalten.
Größte Nähe, mit 36.000 km/h.
Mars schickt Rosetta zur Erde zurück.
Im Vorbeiflug fotografierte Philae den Mars, davor ein Solarpaneel von Rosetta.
Noch zweimal leiht ihr die Erde Schwung: 2007 und dann 2009.
Ihre neue Bahn trägt sie bis 790 Millionen Kilometer von der Sonne fort.
So weit draußen reichen ihre Paneele nicht mehr: Rosetta schläft 31 Monate lang.
20. Januar 2014: Rosetta erwacht, 9 Millionen Kilometer von 67P entfernt.
August 2014. Nach zehn Jahren Reise wächst 67P vor Rosetta heran.
Sein Kern hat eine Form, die niemand erwartete: zwei Lappen, wie eine Ente.
Er misst knapp vier Kilometer und dreht sich in zwölf Stunden einmal.
Der Komet rast mit 55.000 km/h. Rosetta fliegt jetzt genauso schnell.
6. August 2014, 100 Kilometer: erstmals begleitet eine Sonde einen Kometen.
1969 entdeckt Klim Tschurjumow ihn auf einer Fotoplatte von Swetlana Gerassimenko.
Er trägt beide Namen. „67P“ heißt: der 67. katalogisierte periodische Komet.
Noch keine Umlaufbahn: Rosetta fliegt Dreiecke vor dem Kometen, in 100, dann 50 km.
Am 10. September geht sie in 30 km in eine Umlaufbahn und sinkt dann stufenweise.
15. Oktober 2014. Rosetta sinkt auf unter 10 Kilometer über dem Boden.
Seine Schwerkraft ist so schwach, dass Rosetta langsamer kreist als ein Fußgänger.
Ihre Kamera erkennt dort Details von zwanzig Zentimetern.
Wo soll Philae landen? Flacher Boden, Sonnenlicht, per Funk erreichbar.
Mitte September wählt die ESA Standort J auf dem kleinen Lappen.
Doch niemand weiß, ob der Boden hart wie Eis oder weich wie Schnee ist.
Von der Sonne erwärmt, wird das Eis des Kometen zu Gas und Staub.
Schon im Juni maß Rosetta: jede Sekunde geht ein Glas Wasser verloren.
Ende Oktober steigt Rosetta wieder: Philae wird 22 km vom Zentrum des Kerns abgesetzt.
12. November 2014. Standort J heißt jetzt Agilkia, nach einer Nilinsel.
Philae: 100 Kilo, drei Beine, zehn Instrumente, Batterie für 60 Stunden.
Heute Nacht ließ sich seine Gasdüse nicht aktivieren. Er wird trotzdem abgeworfen.
Ohne sie drückt ihn beim Aufsetzen nichts an den Boden. Bleiben zwei Harpunen.
Ein Signal braucht 28 Minuten zur Erde: alles läuft von allein.
Abwurf. Philae treibt mit 19 Zentimetern pro Sekunde fort und klappt die Beine aus.
Er hat kein Triebwerk zum Steuern: sein Fall wurde vorab berechnet.
Philae ist das Werk eines europäischen Konsortiums unter Führung Deutschlands und Frankreichs.
Von hier aus, im Wegtreiben, fotografierte Philae Rosetta.
Sieben Stunden Fall, in einer Schwerkraft hunderttausendmal schwächer als auf der Erde.
Beim Abstieg messen seine Instrumente schon Staub und Gas.
Unter ihm dreht sich der Komet: das Ziel bewegt sich.
Zwanzig Minuten vor dem Kontakt. Philae kommt im Schritttempo, ein Meter pro Sekunde.
Kontakt. Zum ersten Mal berührt ein Raumfahrzeug den Boden eines Kometen.
Harpunen sollten ihn verankern. Nichts hält ihn: Er prallt ab.
Auf der Erde heißt es warten: Das Signal braucht 28 Minuten für 510 Millionen km.
17:03 Uhr in Darmstadt: Seine Füße haben den Boden berührt. Der Saal jubelt.
Doch die Harpunen zündeten nicht, und die Paneele zeigen, dass er sich dreht: Er fliegt wieder.
Er steigt fast einen Kilometer hoch und fliegt knapp zwei Stunden.
Unter ihm hat sich der Komet gedreht: er fällt nicht dorthin zurück.
Er landet weiter entfernt, dann folgt ein Sprung von wenigen Minuten.
Philae kommt bei Abydos zum Stehen, an einer Klippe, ein Bein in der Luft.
Noch am Abend bestätigt es sein Magnetometer: Philae hat den Kometen dreimal berührt.
Rosetta sinkt unter seinen Horizont: kein Kontakt bis zum nächsten Morgen.
Philae schickt Radiowellen zu Rosetta, quer durch den Kopf des Kometen.
Ihr Durchgang verrät es: Das Innere ist porös, zu drei Vierteln leer.
13. November. Sein erstes Foto kommt an: eine Felswand, wenige Meter entfernt.
Im Schatten gefangen, sieht er die Sonne nur anderthalb Stunden am Tag.
Seine Paneele laden fast nichts nach: Er lebt nur noch von seiner Batterie.
Das Team ändert den Plan: alle zehn Instrumente laufen lassen, solange Strom da ist.
Sein Hammer schlägt mit voller Kraft auf den Boden. Er dringt nur Millimeter ein.
Unter zwanzig Zentimetern Staub: Eis, viel härter als erwartet.
14. November. Der Bohrer fährt aus, doch niemand weiß, ob er den Boden erreicht.
Philae ist nicht verankert: In so hartem Boden könnte Bohren ihn wegdrücken.
Ein letztes Manöver: Sein Körper dreht sich um 35°, die Paneele zur Sonne.
15. November, kurz nach Mitternacht. Die letzten Daten kommen, dann ist die Batterie leer.
Philae schläft ein. Alle zehn Instrumente haben gearbeitet. Niemand weiß, wo er ist.
Rosetta fotografiert das Gebiet: fünf Flecken in Philaes Größe. Keiner ist er.
Sein Radar grenzt das Gebiet ein: 16 mal 160 Meter. Philae bleibt unsichtbar.
März 2015. Der Komet nähert sich der Sonne: Rosetta beginnt zu lauschen.
Mit Rosetta an seiner Seite fällt der Komet zur Sonne und kreuzt die Marsbahn.
13. Juni 2015, 22:28 Uhr in Darmstadt. Ein Signal: Philae lebt.
85 Sekunden Daten. An Bord sind es -35 °C, und er hat 24 Watt.
8.000 Pakete im Speicher: Er war seit Tagen wach, ohne sich melden zu können.
Sieben weitere Kontakte folgen, zu kurz und instabil für eine Messung.
Ein Sender und ein Empfänger scheinen tot, der andere Sender schaltet sich ab.
Rosetta würde näher heran, um ihn besser zu hören, doch der Staub hält sie fern.
9. Juli 2015: das letzte Signal. Danach schweigt Philae für immer.
30. Juli 2015: Seine Ergebnisse erscheinen. Sechzehn organische Moleküle, vier davon neu.
13. August 2015. Der Komet kommt der Sonne am nächsten: 186 Millionen Kilometer.
Sein Eis schmilzt nicht: erwärmt, wird es direkt zu Gas.
Doch dieses Eis liegt nicht offen, sondern unter einer Kruste aus schwarzem Staub.
Das Gas entweicht durch eingestürzte Schächte, manche zweihundert Meter tief.
Jede Zone erwacht mit ihrem Sonnenaufgang und erlischt mit ihrem Untergang.
Er verliert 300 Kilo Wasser pro Sekunde, tausendmal mehr als 2014.
Vom Sonnenlicht getrieben, zieht der Staub hinter ihm einen langen Schweif.
Rosetta musste zurückweichen: im Staub verloren ihre Sternsensoren den Himmel.
Hinter der Sonne zieht der Komet zurück in die Kälte, und seine Aktivität lässt nach.
Januar 2016. Ein letzter Befehl: sein Schwungrad anwerfen, um den Staub abzuschütteln.
Der Befehl geht raus. Keine Antwort.
27. Juli 2016: Um Strom zu sparen, hört Rosetta nicht mehr auf Philae.
2. September 2016. Auf einem Foto aus 2,7 km Höhe findet Rosetta ihn endlich.
Auf der Seite liegend, in einer dunklen Spalte verkeilt: darum sprach er so schlecht.
Zweiundzwanzig Monate Suche. Vier Wochen später endet die Mission.
September 2016: Der Komet ist weiter von der Sonne entfernt als bei Rosettas Ankunft.
Zu fern der Sonne für ihre Paneele, beendet Rosetta ihre Mission auf dem Kometen.
Sie sinkt langsam zum Boden und fotografiert bis zuletzt alles.
Das Wasser von 67P unterscheidet sich von dem der Erdozeane.
Das Wasser der Erde stammt also kaum von Kometen wie 67P.
Rosetta fand auch Glycin, eine Aminosäure, und Phosphor.
Zutaten des Lebens, unberührt seit der Geburt des Sonnensystems.
Beim Aufsetzen verstummt Rosetta, zwölfeinhalb Jahre nach dem Start in Kourou.
Rosetta und Philae bleiben auf dem Kometen, der sie um die Sonne trägt.
Nie zuvor war ein von Menschen gebautes Gerät auf einem Kometen gelandet. Den Teams der ESA ist es gelungen.